== Ein paar grundlegende Anmerkungen (WSchallehn) ==
Begriffswelten sind nie einfach - ich habe darin seit 1970 (TGL Netzplantechnik Begriffe) bis 2007 (DIN 69900, Projektmanagement Begriffe) einige Nerven gelassen - und kann nun vielleicht hier noch ein bisschen helfen.
Also zunächst eine Wiederholung: Begriff ist das, was man begriffen hat (J.W.Goethe lässt grüßen!) In einer "Definition" ist der Inhalt des Begriffes zu beschreiben. Der Name des Begriffes heißt "Benennung" oder "Bezeichner". Damit ist schon das erste Dilemma der Begriffswelt angesprochen: ein- und derselbe Begriff kann unter verschiedenen Benennungen(oder eben Bezeichnern) auftauchen. Und eine Benennung kann mit unterschiedlichen Inhalten verstanden werden. Es kommt also darauf an, Begriffe so zu definieren, dass sie in einem bestimmten Rahmen möglichst eindeutig verständlich sind, und dass sie aber möglichst wenig Irritationen gegenüber dem allgemeinen Sprachgebrauch verursachen.
So gesehen scheinen mir folgende Hinweise wichtig:
1. Die meisten "Definitionen" sind keine Definitionen! Beispiel "Bildung ist ein Prozess." Das definiert doch nichts. Jeder Prozess ist ein Prozess! Es gibt natürlich auch ein paar schöne Beispiele von treffenden Definitionen. Aber ich sehe mich außerstande, dies aufzutrieseln.
2. "Finden" bedeutet, das man etwas hat, was man vorher nicht hatte. "Finden" umfasst keinesfalls die Veränderung des Gefundenen! So sind Umfragen sehr geeignet, ein Meinungsbild zu finden, das man vorher nicht hatte.Die erfassten Meinungen werden durch die Umfrage nicht verändert.
3. "Meinungsbildung" hat viel mit Problemlösung und Entschlussfassung für reales Handeln zu tun. Dabei sind viele unterschiedliche Merkmale zu beachten - und je nach Situation sind konkrete "Spielregeln" zu vereinbaren (günstigenfalls als Parameter für das Tool zu setzen!).
3.1 Die Bildung der individuellen Meinung muss dabei von der kollektiven Meinungsbildung unterschieden, aber mit dieser im Zusammenhang gesehen werden. Aus der Sicht des qualifizierten Konsens ist normal, dass keine individuelle Meinung mit der kollektiven in allen Punkten übereinstimmt - aber sich das Individuum beim Erreichen eines gewissen Grades von Übereinstimmung dennoch mit dem Kollektiv identifiziert.
3.2 Kollektive Meinungsbildung findet in sehr unterschiedlichen Rahmen statt - vorzugsweise in Projekt- und Arbeitsgruppen. Perspektive sollte basisdemokratische Partizipation einer ganzen Partei und auch eines (supranationalen?!) Wahlvolkes sein.
3.3 Kollektive Meinungsbildung wird generell aus zwei Teilprozessen bestehen: finden bereits vorhandener Meinungen(Argumente!), und sodann deren mehr oder weniger kreative Verbindung zu einem Gesamtbild.
3.4 Kollektive Meinungsbildung kann ganz unterschiedlichen Geltungsansprüche haben:
- unmittelbar wirksame Entscheidungen über Personal, Projekte und anderes;
- mittelbar wirksame Entscheidungen über Partei- und Wahlprogramme und ähnliches;
- Dokumentationen wie Positionspapiere, die nur intern oder zunächst gar nicht "wirken".
4. Ein paar "technische" Fragen
4.1 In den bisherigen Begriffsdefinitionen fehlt fast völlig, dass Begriffe zueinander in Beziehung gesetzt werden. In keinem Fall sind Oberbegriffe definiert, und auch die Unterscheidung benachbarter Begriffe durch Unterscheidungsmerkmale fehlt.
Beispiel: Diskussion - Debatte - Diskurs! Ist Debatte nun eine speziell geregelte Diskussion, oder Rahmen für Diskussionen, oder eine Alternative zu "Diskussion"? Im letzten Falle bräuchten wir einen neuen Oberbegriff.
4.2 Unter "Tool" würde ich ja die implementierte Methode verstehen. Tool wird aber auch für die Methode oder gar für das allgemeine Prinzip verwendet. Lösung??
4.3 "Kontext" meint im qualifizierten Konsens die Informationen, die den einzelnen Kernaussagen als Begründung, Quellenangaben u.ä.m. unmittelbar zugeordnet sind. Da ist "Kon-Text" wörtlich genommen. Dieser Kontext steht jedoch ausdrücklich nicht zur Bewertung und zur Diskussion (beides könnte freilich Gegenstand einer "eigenen" Konsenskiste sein).
Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet "Kontext" oft das gesamte, nicht näher definierte Umfeld einer Diskussion(?!).
5. Vorschlag
Da die "Begriffe" grundlegend für alles weitere sind, scheint mir eine Umschaltung dieser Diskussion in den Modus "zielführend" dringend. Unmaßgeblicher Vorschlag: Einen neuen Pad mit einem Entwurf starten - der von moonopool scheint mir schon am ehesten geeignet.
WS, 12.1.11